Sonntag, 31. August 2025

„Vermächtnis und Verantwortung“ – 27. Bonhoeffertag. Zwei Berichte

Friedrichsbrunn, 31. August 2025

Hartmut Bick:

Die Liedzettel reichten bei weitem nicht beim Gottesdienst im Garten des Bonhoeffer-Hauses Friedrichsbrunn: 160 Besucher waren zum Gottesdienst in den Garten des Bonhoeffer-Hauses geströmt. „Solch ein Thema können sich nur Theologen ausgedacht haben“ – so Pfarrerin Saskia Lieske in ihrer Begrüßung: „Vermächtnis und Verantwortung“ als Thema des 27. Bonhoeffertages erscheine vielleicht abstrakt und bedeutungsschwer, gut, dass man einen ganzen Tag Zeit habe, es in Predigt, Vorträgen und Gespräch zu bedenken.

Bettina Schlauraff, Regionalbischöfin der EKM im Sprengel Magdeburg, schlug in ihrer Predigt den Bogen von den Geschwistern Mose, Aaron und Mirjam über den Rechtsstreit Gottes mit Israel in Micha 6 zu den Seligpreisungen Jesu in der Bergpredigt.

Die Geschwister gehen gemeinsam voran, auf einem langen, beschwerlichen Weg – und hinterlassen ein Vermächtnis, mit Händen zu greifen, als Aaron vor seinem Tod seine eigenen Kleider seinem Sohn anzieht. Gott handelte gütig durch die Befreiung aus der Sklaverei und durch die Berufung von Menschen, die Israel auf dem Weg vorausgehen – Zuwendung zu ihm wäre die angemessene Antwort darauf, die er jedoch vermissen muss. Micha will Israels Gedächtnis wachrufen. Dietrich Bonhoeffer schrieb einmal: „Das Gedächtnis, das Wiederholen empfangener Lehren, gehört zum verantwortlichen Leben.“

Im Rückblick auf die Zeit vor 90 Jahren stellen wir fest, dass zu wenige Verantwortung übernahmen, zu viele sich weigerten, das Rad anzuhalten. Doch so wie Mose, Aaron und Mirjam wurden Klaus, Rüdiger, Hans, Dietrich und andere heldenhaft zuständig – mit dem Blick auf Gott. Und aus dem Gefühl der Verbundenheit mit anderen. (Die ganze Predigt hier: https://menschensammlerin.blogspot.com.)

Drei Urenkel von Karl und Paula Bonhoeffer waren eingeladen, mit Pfarrer Mathias Bonhoeffer und Dr. Tobias Korenke waren am Nachmittag in der Kirche zwei von ihnen zugegen, die erzählten, wie sie „mit der Familiengeschichte leben.“

Dorothee Röhrig war nur durch ihr Buch „Du wirst noch an mich denken“ vertreten, ein Exemplar wurde verlost, fünf fanden sofort interessierte Abnehmer.

Tobias Korenke, Enkel von Ursula Bonhoeffer, gestand ein, er habe sich lange gegen alles gewehrt, was ihm seine Eltern und die große Bonhoefferfamilie mitgeben wollten oder automatisch mitgegeben haben: Ritterlichkeit, unbedingte Aufrichtigkeit, Einsatz gegen Ungerechtigkeit, Familiensinn – aber auch Kammermusik und Choräle – die „Bonhoefferitis“ und den „Geist der Verantwortung“. Für den Heranwachsenden spielte die Großmutter eine große Rolle, „immer selbstverständlich ermutigend.“ Aber sie umgab immer eine Traurigkeit, auf die er sie jedoch nicht ansprechen konnte. Und dann wollte er verstehen, wie der Nationalsozialismus ein ganzes Volk berauschen und der Rechtsstaat ausgehebelt werden konnte, und studierte Geschichte.

„Ich möchte nicht, dass sie ihren Schmerz umsonst getragen hat.“

„Ich möchte nicht, dass sie ihren Schmerz umsonst getragen hat. Für den Rechtsstaat, Freiheit und Demokratie setze ich mich ein – auch aus der Beschäftigung mit meiner Familiengeschichte heraus.“

Mathias Bonhoeffer, Enkel von Karl-Friedrich, unterstrich die vielen Gemeinsamkeiten und Übereinstimmungen mit Tobias Korenke, wies jedoch auf zwei entscheidende Unterschiede hin: Er trage den Namen Bonhoeffer und sein Großvater, der nicht in den Widerstand eingebunden gewesen sei, habe überlebt. In seiner Familie seien die Beziehungen zur weiteren Familie nicht gepflegt worden, sein Vater habe mit ihm nicht über die Familiengeschichte gesprochen. Inzwischen habe er sich „freigeschwommen“. Den Namen Bonhoeffer habe er geerbt, es sei ein längerer Prozess gewesen, dazu stehen zu können.

Ein breiter Fächer von Fragen des Publikums gab den Gästen im zweiten Teil des Nachmittags Gelegenheit, zu klären und zu vertiefen. In der weit verzweigten Familie – einen offenen Brief gegen die Vereinnahmung (Dietrich) Bonhoeffers durch „christliche“ Nationalisten in den USA unterzeichneten 86 der rund 100 erwachsenen Nachkommen der Bonhoeffer-Geschwister – gäbe es keine Konkurrenz, wohl aber unterschiedliche Blickweisen auf die Familiengeschichte und den Umgang damit.

Dass Dietrich so eine überragende Aufmerksamkeit erhalten habe, obwohl für den Widerstand andere wichtiger waren, liege an seinen theologischen Schriften und an Eberhard Bethge, der sein ganzes Leben in den Dienst seines Freundes Dietrich gestellt habe – und Teil der großen Familie war.

Den großen Ansturm bei der Essensversorgung meisterte das Team vom Café Bonhoeffer mal wieder mit Bravour: Mit 160 Gottesdienstbesuchern und 125 Zuhörern in der Kirche war es der bisher bestbesuchte Bonhoeffertag, so dass am Ende tatsächlich der Kuchen knapp wurde. Trotzdem saßen noch viele lange im Garten zusammen.

Der 28. Bonhoeffertag wird voraussichtlich am 23. August 2026 stattfinden.

Dr. Saskia Lieske:

Zum nunmehr 27. Mal hatte der Bonhoeffer-Verein zusammen mit der Kirchengemeinde zum Bonhoeffer-Tag nach Friedrichsbrunn eingeladen – und die Resonanz war in diesem Jahr überwältigend. Der gesamte Tag stand unter der Überschrift „Vermächtnis und Verantwortung“.

Den Auftakt bildete ein Gottesdienst, der bei Sonnenschein im Garten des Bonhoefferhauses gefeiert werden konnte. Geleitet wurde er von Regionalbischöfin Bettina Schlauraff und Pfarrerin Saskia Lieske; für die musikalische Rahmung sorgte der Posaunenchor Thale unterstützt von einigen befreundeten Bläserinnen und Bläsern. In ihrer Predigt ging Bettina Schlauraff auf die beiden großen Begriffe von Vermächtnis und Verantwortung ein. Mit einer Aktennotiz aus der NS-Zeit, die ein erschreckendes Beispiel für Distanzierung und Entmenschlichung beinhaltete, zeigte sie eindrücklich, wie wirkmächtig Sprache ist und langsam, aber stetig das Denken prägt. Dem Wissen auszuweichen, so führte Bettina Schlauraff aus, bedeute der Verantwortung auszuweichen – damals wie heute. Um vom Wissen ins Handeln zu kommen, bräuchte es unter anderem das Gefühl von Verbundenheit und Zuständigkeit.

Nach der geistlichen Stärkung durch den Gottesdienst war Zeit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Das Team vom Café Bonhoeffer sorgte dabei für das leibliche Wohl.

In gewohnter Weise fand das Nachmittagsprogramm dann in der Bonhoefferkirche statt, die bis auf den letzten Platz gefüllt war. Mit Tobias Korenke und Mathias Bonhoeffer waren zwei Mitglieder der dritten Generation von Karl und Paula Bonhoeffer, denen damals das Ferienhaus in Friedrichsbrunn gehörte, zu Gast. Beide erzählten auf sehr unterschiedliche wie auch eindrückliche Weise davon, wie es ist, mit der Familiengeschichte zu leben. Hinterher bemerkten viele der Zuhörenden, wie eindrücklich es gewesen sei, dass die im Widerstand aktiven Mitglieder der Familie nicht auf einen Sockel emporgehoben worden, sondern eine differenzierte Auseinandersetzung stattfand.

So verschieden die Erfahrungen in den Familien waren, so sehr betonten beide, dass über den Widerstand und die Zeit des Nationalsozialismus nur wenig zu Hause gesprochen wurde – eine Erfahrung, die von vielen der Zuhörenden geteilt wurde. Mathias Bonhoeffer berichtete davon, dass seine Verbindung in die Familie vor allem durch Bücher gewachsen sei. Tobias Korenke wiederum erzählte, wie seine Großmutter Ursula Schleicher, geb. Bonhoeffer, bei aller Warmherzigkeit und allem Humor immer auch eine Traurigkeit umgeben hat. Es schien ihm, als säßen die Ermordeten der Familie mit am Esstisch, wenngleich sie nur selten von ihnen und ihrer Traurigkeit sprach, wohl auch um die Familie nicht zu belasten.

Beide Referenten machten in ihren Erzählungen stark, dass ein Vermächtnis zu erben, allein nicht ausreichend sei. Vielmehr komme es in einer Demokratie darauf an, die Verantwortung anzunehmen und etwas daraus zu machen. Mit dieser bleibenden, mühevollen Aufgabe war eine Brücke zur Predigt wie auch überhaupt in die Gegenwart geschlagen.

Es sei wegen der Thematik ein anstrengender, aber auch anregender Bonhoeffer-Tag gewesen, so fasste es einer der Besucher zusammen.

Dr. Saskia Lieske ist Pfarrerin im Pfarrbereich Thale/Bad Suderode/ Friedrichsbrunn/Warnstedt.


Gottesdienst im Garten des Bonhoeffer-Hauses mit dem erweiterten Bläserchor Thale.


Moderator Dr. Günter Ebbrecht im Gespräch mit den Gästen Dr. Tobias Korenke und Pfarrer Mathias Bonhoeffer, von links.



Mehr als 120 Besucher drängten sich am Nachmittag des 27. Bonhoeffertages in der Bonhoefferkirche Friedrichsbrunn.

Fotos: Saskia Lieske, Max Zehnpfund.